Wie Wiesen wieder bunter werden

Die Artenagentur Schleswig-Holstein und der Naturschutzverein Südtondern demonstrieren Verfahren zur Wiederherstellung artenreichen Grünlands

Von: Detlev Finke

12.08.2019

„Ich bin begeistert“ sagt Jürgen Lorenzen, „ein Blütenmeer in lila. Beeindruckend ist auch die Zahl der Insekten. Die Leute bleiben bei uns am Zaun stehen und schauen sich das Schauspiel an“.

Die Rede ist von einer 1,9 ha großen ehemaligen Ackerfläche am Ortsrand von Klintum im Kreis Nordfriesland, die Jürgen Lorenzen, ehemaliger Kreisnaturschutzbeauftragter und Ehrenvorsitzender des Naturschutzvereins Südtondern, Ende 2014 zu artenreichem Grünland umgewandelt hat. Mittels Mahdgutübertragung von nahegelegenen extensiven Grünlandflächen sowie einer ergänzenden Ansaat mit sogenanntem Regio-Saatgut konnte sich so innerhalb der letzten 5 Jahre eine Grünlandfläche mit über sechzig Gras- und Krautarten entwickeln. Derart hohe Artenzahlen sind selbst auf vergleichbaren Flächen die Ausnahme; ein Ergebnis der naturschutzfachlich optimalen Pflege durch Jürgen Lorenzen. Beraten wurde Lorenzen bei der Anlage und der fachgerechten Nutzung der Fläche durch die Artenagentur Schleswig-Holstein, die das Projekt bis heute im Rahmen einer jährlichen Erfolgskontrolle begleitet.

Um die Erstellung artenreichen Grünlands durch Mahdgutübertragung ging es denn auch auf dem gleichnamigen Seminar, welches die Artenagentur und der Naturschutzverein Südtondern in Zusammenarbeit mit dem Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume am 7. August 2019 in der Nordsee-Akademie in Leck durchführte. 26 Teilnehmer*innen informierten sich im Rahmen von Vorträgen und einer praktischen Vorführung zu dem Thema. Neben der Problematik des anhaltenden Rückgangs der Artenvielfalt in der Landschaft hat das Thema „Gebietseigenes Saatgut“ auch insofern eine hohe Aktualität, als nach dem Bundesnaturschutzgesetz ab 2020 nur noch regionales Saatgut gebietseigener Herkünfte bei Renaturierungsmaßnahmen in der freien Landschaft zu verwenden ist.

Simon Kellner vom Dezernat Biodiversität des Landesamtes für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) aus Flintbek machte auf die dramatische Situation des Wertgrünlandes in Schleswig-Holstein aufmerksam. Flächenverluste von bis zu 90% sind bei einzelnen artenreichen Grünlandtypen wie dem Feuchtgrünland seit Ende der 80’er-Jahre des letzten Jahrhunderts zu verzeichnen. Dabei stellt das artenreiche Grünland mit einer Gesamtartenzahl von knapp 750 Pflanzenarten eine der vielfältigsten Lebensräume überhaupt für die botanische Artenvielfalt dar. Ursächlich für die Verluste sind in den meisten Fällen eine zunehmende Nutzungsintensivierung des Grünlandes und auch Umwandlung in Acker sowie das Brachfallen von Feuchtgrünlandflächen, was mit erheblichen Artenverlusten einher geht. „Ein reiner Schutz der noch verblieben Grünlandflächen wird zum Erhalt der biologischen Vielfalt im Grünland nicht mehr reichen“, so Kellner.

Dr. Björn Rickert, freiberuflicher Biologe, stellte daher die Wiederherstellung von artenreichen Grünlandflächen mit verschiedenen Verfahren vor. Schwerpunkt im Rahmen des Seminars war die Anlage qualitativ hochwertiger Flächen mit der Übertragung von regionalem gebietseigenem Mahdgut. Dabei werden bestehende artenreiche Grünlandflächen in der Saatreife gemäht. Das geworbene Mahdgut direkt auf der sogenannten Empfängerfläche wieder ausgebracht. Als weiteres wichtiges Verfahren zur Gewinnung artenreichen Saatgutes wurde der Wiesendrusch vorgestellt.

Als Planungsinstrument zur Recherche von artenreichen Grünlandflächen, die als Spenderflächen dienen können, wurde von Detlev Finke von der Artenagentur das Spenderflächenkataster Schleswig-Holstein vorgestellt. Das Spenderflächenkataster konnte in den zurückliegenden Wochen durch die Übernahme von Daten aus der aktuellen landesweiten Biotopkartierung erheblich aufgewertet werden. So weist das Kataster aktuell etwa 7.500 Grünlandflächen auf. In dem Kataster können bereits jetzt der Grünlandtyp der jeweiligen Fläche, die aktuelle Nutzung und die Artenausstattung recherchiert werden. Das Kataster befindet sich zwar noch im Aufbau, kann aber bereits jetzt sinnvoll genutzt werden.

Franziska von Rymon-Lipinski, Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Nordfriesland stellte das Kataster für Ausgleichs- und Ersatzflächen des Kreises vor. Viele Flächen seien Offenlandflächen, die durch die Flächeneigentümer in Kooperation mit der UNB ggf. einer Aufwertung mit gebietseigenem Saatgut unterzogen werden könnten. „Das Spenderflächenkataster der Artenagentur stellt somit ein ideales Pendant zum Ersatzflächenkataster des Kreises dar, welches als Planungsinstrument für unsere Flächenaufwertungen genutzt werden kann“ so von Rymon-Lipinski.

Am Nachmittag wurde dann das Verfahren der Mahdgutübertragung von Jürgen Lorenzen in der Praxis demonstriert. Dabei kam die eingangs beschriebene Fläche von Lorenzen als Spenderfläche zum Einsatz. Hier konnten sich die Teilnehmer*innen noch einmal vor Ort von dem Artenreichtum der Fläche überzeugen, bevor es gemäht und das Mahdgut anschließend auf eine naheliegende Empfängerfläche westlich des Klintumer Moores verbracht. Die einzelnen Arbeitsschritte wie das Ausbringen des Mahdgutes, die Verteilung mittels Heuwender und das Anwalzen wurden vorgestellt.

zurück zur Übersicht

Seminarteilnehmer begutachten die Spenderfläche (Foto: K. Johannsen)

Übertragung des Spendermahdguts mit einem Ladewagen auf der Empfängerfläche (Foto: J. Lorenzen)

Artenreiche Spenderfläche mit Wiesen-Flockenblume im Hochsommer (Foto: J. Lorenzen)

Der Blütenreichtum von artenreichen Wiesen stellen ein hohes Nektarangebot für Wildbienen und Hummeln bereit (Foto: J. Lorenzen)